Von Gipfel zu Gipfel: Berg-Hopping durch die Zentralschweiz
Pilatus, Rigi, Titlis & Co.: Die «Big 6» der Zentralschweiz zählen zu den bekanntesten Bergen der Schweiz. Doch was macht sie wirklich besonders? Eine Reise von Gipfel zu Gipfel – mit überraschenden Einblicken hinter die Kulissen.
In den vergangenen Jahren war ich viel unterwegs: beim Kleinstadt‑Hopping durch charmante Orte und beim Seen‑Hopping entlang der schönsten Gewässer der Zentralschweiz. Diesmal geht es ein Stück weiter nach oben – und zwar auf die Berge. Genauer gesagt auf die sogenannten Big 6: Pilatus, Stoos, Rigi, Stanserhorn, Titlis und Brienzer Rothorn.
Heute besuche ich sechs Berge, die geografisch nah beieinanderliegen und sich trotzdem komplett unterschiedlich anfühlen.
Rigi – Wo alles begann
Die Rigi gilt als Geburtsort des alpinen Tourismus. Denn hier entstand eines der ersten Berggasthäuser der Alpen. «Hier haben die Menschen zum ersten Mal auf dem Berg übernachtet, um Sonnenauf- und ‑untergang sowie das Panorama erleben zu können», erklärt Ivan Steiner von den Rigi Bahnen. Damals gab es allerdings noch keine Bergbahnen. Die Gäste wurden von sogenannten Rigiträgern nach oben gebracht – zu Fuss, auf Sänften oder mit Maultieren.
Das änderte sich erst 1871. Damals entwickelte Niklaus Riggenbach ein Zahnradsystem, das erstmals komfortable Fahrten über grosse Steigungen ermöglichte. Dieses Prinzip – mit Zahnstange und eingreifendem Zahnrad – wird bis heute weltweit eingesetzt. Ausser eben am Pilatus. Für besondere Geschichten sorgte die Rigi aber nicht nur wegen ihrer Technik, sondern auch wegen ihrer Lage. Denn sie liegt genau auf der Grenze zwischen den Kantonen Luzern und Schwyz – was früher zu einigen kuriosen Situationen führte:
«Die Gesetze in den beiden Kantonen waren unterschiedlich», erklärt Ivan. «Wenn im Luzerner Teil nicht mehr getanzt oder Alkohol ausgeschenkt werden durfte, wechselten die Gäste einfach auf die Schwyzer Seite. Und dort ging die Party weiter.»
Stoos – Schwerelos steil
Vom Pilatus geht es direkt weiter zum nächsten Rekord: zur steilsten Standseilbahn der Welt am Stoos. Schon die Zahlen klingen fast unwirklich: 110 Prozent Steigung. Das bedeutet, dass die Bahn auf 100 Metern Strecke 110 Höhenmeter überwindet. Das entspricht einem Winkel von 47,5 Grad. Also extrem steil, aber nicht senkrecht. Oder anders gesagt: 90 Grad Winkel sind nicht gleich 90 Prozent Steigung – wieder was gelernt.
Oben angekommen erwartet einen ein komplett autofreies Dorf. «Man sieht überall kleine Alpen und viel Vieh. Es ist sehr idyllisch», erzählt Rahel Stocker von den Stoosbahnen.
Rund 150 Menschen leben hier – mit Schule, Kirche und Dorfladen. Die Standseilbahn ist dabei weit mehr als eine Attraktion: Sie ist die zentrale Verbindung ins Tal und Teil des öffentlichen Verkehrs. Sämtliche Güter – von Lebensmitteln bis zu Baumaterial – werden über die Bahn transportiert.
Ein besonderer Reiz des Stoos ist seine Lage über dem Nebel. Gerade im Herbst bildet sich im Tal oft eine dichte Nebeldecke, während oben die Sonne scheint. «Wir sagen immer, das ist der schönste Arbeitsplatz der Welt. Diese paar hundert Höhenmeter machen beim Wetter einen grossen Unterschied.»
Pilatus – Handarbeit bei 48 Prozent Steigung
Wir starten unsere Reise dort, wo man von Luzern aus wahrscheinlich als erstes hinschaut: am Pilatus. Er ist nicht nur der Hausberg der Stadt, sondern auch Heimat eines Weltrekords. Denn hier fährt die steilste Zahnradbahn der Welt. Mit einer maximalen Steigung von 48 Prozent übertrifft sie alle anderen Zahnradbahnen.
«In der Schweiz ist 25 Prozent für die anderen Zahnradbahnen das höchste. Und wir fahren 48 Prozent Steigung», erklärt mir Werner Kramer. Er arbeitet in der Werkstatt der Pilatus‑Bahnen und sorgt dafür, dass die Fahrzeuge zuverlässig unterwegs sind.
Möglich wird das durch ein weltweit einzigartiges System: Die Zahnräder greifen seitlich in die Schiene statt von oben. Und eigentlich wäre sogar noch mehr möglich: «Theoretisch könnte man fast senkrecht hochfahren mit unserem System.»
Doch hinter dem Rekord steckt vor allem eines: Handarbeit. Material wird getragen, Gleise gebaut und jede einzelne Schraube wird jährlich kontrolliert. Besonders im Frühling zeigt sich, was das bedeutet. Dann liegen bis zu fünf Meter hohe Schneefelder auf der Strecke. Zwischen Zahnstange und Schiene muss alles freigeschaufelt werden. Ebenfalls von Hand.
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