A transformação de Canuto (Canuto’s Transformation)

Kino
"Jepotá", die Verwandlung eines Menschen in einen Yaguareté (Jaguar), ist ein mythisches Konzept der indigenen Mbyá-Guaraní nahe der berühmten Iguazú-Fälle. Sie wird in einem Film nachgespielt...
Preisgekrönter indigener Film aus Brasilien/Argentinien!
von Ariel Kuaray Ortega/Ernesto de Carvalho, Dok/Fiktion, Brasilien 2023 - mit englischen Untertiteln

Vorführungen mit Q&A-Gespräch in Anwesenheit der indigenen Filmemachenden Ariel Kuaray Ortega (Co-Regie) und Luz Jachuká Duarte (Regieassistenz), moderiert von Dorotea Bitterli (Hispanistin, Journalistin) und Johannes Jenny (Biologe, Gründer www.sagittaria.ch).

Synopse / Inhalt:

Der Filmemacher Ariel Kuaray Ortega – aus dem Volk der Mbyá-Guaraní – kehrt an seinen Heimatort Tamanduá (Provinz Misiones, Argentinien) zurück. Sein Grossvater Dionisio Duarte – der als Mburuvichá (Vertreter/Sprecher/Kazike) in aussergewöhnlich weiser Voraussicht den Besitz des Landes, auf dem die Gemeinschaft lebt, schon vor Jahrzehnten juristisch abgesichert hat – ist inzwischen älter geworden. Sein Enkel Ariel möchte nun endlich die ganze Geschichte von Canuto erfahren, einem Dorfbewohner, der sich in einen Jaguar verwandelte und dann eines tragischen Todes starb. Bald entsteht der Plan, einen Film über den mysteriösen Canuto zu drehen, wobei die Mitglieder der Gemeinschaft alle Rollen selbst spielen sollen.
'A transformação de Canuto' ist mehrere Filme in einem: ein Making-of, ein Dokfilm über die indigene Gemeinschaft der Mbyá-Guaraní und eine mythische Geschichte über «Jepotá», das Konzept der Verwandlung von Menschen in Tiere. Die Grenzen zwischen den Darstellenden und den Filmfiguren verschwimmen allmählich, ebenso wie die zeitlichen Ebenen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Was ist Fiktion, was ist real, was ist Film und was ist Folklore? Und spielt das überhaupt eine Rolle? Das Ergebnis ist ein faszinierend eigenwilliges Gemeinschaftsprojekt, das grosse Themen wie Kolonialisierung und die Benachteiligung indigener Gemeinschaften untersucht, gleichzeitig aber auch die Schönheit und Lebendigkeit des Alltags und des traditionellen Lebens in und mit der Natur bebildert.

Filmische, ethnologische und historisch-biografische Hintergründe:

Im Jahre 2023 gewann 'A transformação de Canuto den Preis' den Preis ‘Best Film and Outstanding Artistic Contribution Awards at IDFA Envision’. Das International Documentary Film Festival Amsterdam IDFA ist das weltweit wichtigste Festival für Dokumentarfilme, und mit seiner Selektion ‘Envision’ prämiert es Filmneuheiten, die «eine gewagtere Form haben, die Realität aus einem neuen Blickwinkel darstellen oder die Grenzen des Genres Dokumentarfilm sprengen» (Vgl. https://festival.idfa.nl/en/section/8040ccf3-159a-47b5-81f8-82a3c69dc33e/Envision-Competition/).

Alle drei Definitionen gelten für 'A transformação de Canuto' – einen indigenen Film, halb Doku halb Fiktion, aus dem Atlantischen Urwald in der Nähe der berühmten Iguazú-Fälle, im Grenzgebiet zwischen Argentinien und Brasilien. Die verschiedenen Völker der Guaraní leben dort seit Urzeiten, haben die Gräuel der spanischen Kolonialisierung, die Unterwerfung unter jesuitische Missionierung, weiträumigen Landraub und grausame Vernichtungsfeldzüge erlebt und überlebt. Ihre heutige Jugend sucht ihre eigenen Wege in einer globalisierten Welt – zwischen der naturverbundenen, nachhaltigen Lebensweise ihrer Ahnen und den Herausforderungen der modernen westlichen Zivilisation.

Die NGO 'Vídeo nas Aldeias' (Video in den Dörfern), 1986 vom brasilianischen Aktivisten Vincent Carelli gegründet, fokussiert auf die Ausbildung von indigenen Filmemacher*innen. Ethische Fragen und ästhetische Entscheidungen verweben sich in ihren Produktionen. Themen sind: Rituale und Mythen, Geschichte und politisches Engagement, Erfahrungen und Konflikte mit den Weissen. Vídeo nas Aldeias produziert Bildungsmaterialien, macht Vorführungen in indigenen Gemeinden und zeigt die Filme im brasilianischen TV und auf internationalen Filmfestivals. Dies hat es auch dem Volk der Mbyá-Guaraní ermöglicht, einen Weg ins Kino zu finden – in ein Kino aus eigener Perspektive. (Vgl. https://culturescapes.ch/de/theme/amazonia-2021/video-nas-aldeias)

Ariel Kuaray Ortega, der indigene Teil der Co-Regie von 'A transformação de Canuto', ist ein typischer Vertreter von 'Vídeo nas Aldeias'. Er wurde 1985 in der Mbyá-Gemeinschaft Tamanduá in der Gemeinde ‘Veinticinco de Mayo’ in der nord-argentinischen Provinz Misiones geboren. Seit mehr als 10 Jahren bewegt er sich geografisch-künstlerisch in dieser Region und träumt davon, eines Tages einen Film über die Kosmovision (Weltbild) seines Volkes zu kreieren. (Vgl. https://pro.festivalscope.com/director/ariel-kuaray-ortega)

Luz Jachuká Duarte, geboren 2000, stammt aus derselben Gemeinschaft und war bei der Produktion des Filmes zuständig für Regieassistenz und Übersetzungen aus dem Guaraní. Aktuell studiert sie im 3. Jahr an der Kunstfakultät der UNAM (Universidad Nacional de Misiones) in Posadas das Fach Audiovisuelle und fotografische Medien und bereitet sich auf den Abschluss ‘Licenciatura en Comunicación Social’ vor.

Beide betonen, dass jeder künstlerische Entscheid – wie alle Entscheide bei den Mbyá – kollektiv, von der ganzen Gemeinschaft Tamanduá gefällt wurde. Der Film ist ein Werk der Kooperation vieler Mitwirkenden vor und hinter der Kamera (vgl. dazu auch https://sagittaria.ch/mbya/). Film und Menschen durchleben im Verlauf seiner Genese einen Prozess der Transformation. Das Publikum wird davon affiziert: Nicht nur Speziesgrenzen, auch territoriale und personale Abgrenzungen verflüssigen sich, und ins Zentrum rückt unmerklich – und auf faszinierende Weise eher geahnt als gewusst – ein Welt- und Menschenbild der Resonanz. Alles hat mit allem zu tun.

Eine Zusammenarbeit mit: www.sagittaria.ch


https://www.stattkino.ch/programm/film/947:a-transformacao-de-canuto

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Siehe Stattkino: https://www.stattkino.ch/programm/film/947:a-transformacao-de-canuto

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